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Paper Prototyping – Was ist das?

Autor: Minh Nguyen

Lesedauer:

Okt 2023

Umso weiter eine Entwicklung fortgeschritten ist, umso höher sind die Kosten, die mit Änderungen am Interface und am Interaktionskonzept verbunden sind.

Oftmals gehen Entwickler davon aus, dass sie schon weit fortgeschrittene Prototypen benötigen, um Rückmeldungen von Nutzern zu erhalten. Doch auch einfach erstellte Prototypen können wichtiges Wissen zum eigenen Produkt generieren. Eine Art der einfachen Prototypen wollen wir Ihnen hier vorstellen: Das Paper Prototyping.

Was ist Paper Protoyping und wie kann man damit User Research machen? Was müssen Sie dabei beachten? All das wollen wir in diesem Artikel klären. Zudem erfahren Sie, welche Fragestellungen Sie damit beantworten und welche Vor- und Nachteile die Arbeit mit Papierprotypen haben kann.

 

Was ist Paper Prototyping?

Paper Prototyping ist eine Methode im Rahmen des User-Centered-Designs, mit der früh in der Entwicklungsphase von Software, Websites oder anderen interaktiven Produkten Benutzerschnittstellen getestet werden können. Wie der Name schon andeutet, wird bei dieser Methode das Interface mit Papier und Stift entworfen und nicht digital.

 

 

User Research mit Paper Prototyping – Wie läuft das ab?

Die Erstellung eines Paper Prototyps ist ein relativ einfacher Prozess, der jedoch eine klare Vorstellung davon erfordert, was Sie erreichen möchten. Hier sind Schritte, um einen Paper Prototyp für eine Benutzerschnittstelle (z.B. eine App oder eine Website) zu erstellen:

  • Zielsetzung definieren: Bevor Sie beginnen, sollten Sie wissen, welche Funktionen oder Interaktionen Sie mit Ihrem Prototyp testen möchten.
  • Werkzeuge vorbereiten: Sie benötigen einige Grundmaterialien:
  • Papier: Normales weißes Papier oder Karteikarten.
  • Stifte und Marker verschiedener Farben.
  • Schere oder Cutter.
  • Klebeband, Klebestifte oder Haftnotizen.
  • Skizzieren Sie die Grundlagen: Beginnen Sie mit der Hauptseite oder dem Hauptbildschirm Ihres Interfaces. Zeichnen Sie grundlegende Elemente wie Header, Navigation, Hauptbereiche usw.
  • Interaktive Elemente hinzufügen: Denken Sie darüber nach, was passiert, wenn der Benutzer auf bestimmte Elemente klickt. Zeichnen Sie Popup-Fenster, Menüs, Dialogfelder usw. auf separate Papierstücke. Diese Elemente können dann auf den Hauptbildschirm gelegt werden, um verschiedene Zustände oder Interaktionen zu simulieren.
  • Benutzerpfade skizzieren: Denken Sie darüber nach, wie ein Benutzer durch Ihre Schnittstelle navigieren würde, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Erstellen Sie entsprechende Bildschirme oder Zustände für jeden Schritt im Pfad.
  • Anmerkungen hinzufügen: Sie können Anmerkungen oder Hinweise direkt auf den Prototyp schreiben, um zu klären, wie bestimmte Dinge funktionieren sollten oder welche Art von Feedback der Benutzer erhalten sollte.
  • Testen Sie den Prototyp mit Nutzern, indem diese bitten, damit zu „interagieren“.
  • Feedback sammeln: Beobachten Sie, wie die Tester mit Ihrem Prototyp interagieren, und notieren Sie sich, wo sie Probleme haben oder verwirrt sind. Fragen Sie sie nach ihrem Feedback und ihren Gedanken zum Design und zur Funktionalität.
  • Iterieren: Basierend auf dem Feedback, das Sie erhalten, machen Sie Änderungen an Ihrem Prototyp und testen Sie erneut.

 

 

Kostengünstig das Konzept testen

Diese Prototypen sind nicht mehr als eine – ggf. sogar handschriftliche – Zeichnung auf einem Blatt Papier, das die Kernelemente des späteren User Interfaces darstellt. In Kombination mit der Card-Sorting-Technik ist es dabei sogar möglich, nicht nur die Anordnung der Elemente und das Verständnis für Benennungen zu prüfen, sondern sogar Interaktionsabläufe zu optimieren und die Struktur von Menüs zu testen.

Papierprototypen stellen eine kostengünstige Usability-Maßnahme dar, die es Ihnen erlaubt, erste Ideen auf Konzeptebene zu testen und sollten deswegen Bestandteil jeder Entwicklung sein. Wegen den geringen Herstellungskosten und des niedrigen Zeitaufwands für die Erstellung eignen sich Papierprototypen auch ausgezeichnet, um mehrere Konzepte auszuarbeiten und miteinander zu vergleichen.

 

Was sind Best Practices bei der Arbeit mit Paper Prototypes?

Einige zusätzliche Tipps:

  • Sie können auch vorbedruckte UI-Elemente oder UI-Stencil-Kits verwenden, um den Zeichenprozess zu beschleunigen.
  • Haftnotizen können als bewegliche UI-Elemente nützlich sein.
  • Wenn Sie mobile Apps entwerfen, verwenden Sie einen Kartonausschnitt in der Größe eines Handys oder Tablets, um den Bildschirm zu simulieren.

Das Schöne am Paper Prototyping ist seine Flexibilität. Sie können so detailliert oder so grob sein, wie Sie möchten, je nachdem, welche Fragen Sie beantworten oder welche Hypothesen Sie testen möchten.

 

Digital oder analog?

Die Wahl zwischen digitalem und analogem Paper Prototyping sollte auf den spezifischen Bedürfnissen des Projekts, des Teams und der Benutzer basieren. Analoge Methoden eignen sich hervorragend für schnelle, kollaborative Iterationen in den frühen Phasen eines Projekts, während digitale Methoden für detailliertere Prototypen, Remote Testing und eine bessere Integration in den Design-Workflow geeignet sind. In vielen Fällen kann eine Kombination aus beiden Ansätzen optimal sein.

 

Analoges Paper Prototyping – Wann es sich lohnt und wann nicht

Vorteile:

  • Frühe Entwicklungsphasen: In den frühen Phasen eines Projekts, wenn Ideen noch fließend sind und schnell iteriert werden muss, kann analoges Paper Prototyping sehr effektiv sein.
  • Geringe Ressourcen: Für Teams mit begrenzten Ressourcen oder wenig Erfahrung mit Design-Tools kann analoges Prototyping eine zugängliche Alternative sein.
  • Kollaboration fördern: Das Arbeiten mit physischen Materialien kann die Zusammenarbeit und Kommunikation im Team fördern und eine inklusivere Atmosphäre schaffen.
  • Schnelle Iterationen: Änderungen können schnell und ohne technische Hürden umgesetzt werden.

 

Einschränkungen:

  • Weniger Realismus: Analoge Prototypen können die Interaktivität und das Look-and-Feel einer digitalen Lösung nicht vollständig nachbilden.
  • Schwieriger zu teilen: Physische Prototypen sind nicht so leicht zu teilen wie digitale, was besonders in verteilten Teams oder bei Remote-Tests eine Herausforderung darstellen kann.
  • Keine Benutzerdaten: Es ist schwieriger, Benutzerinteraktionen und -daten zu sammeln und zu analysieren.

 

Digitales Paper Prototyping – Wann es sich lohnt und wann nicht

Vorteile:

  • Remote Testing: Für User Tests mit Personen, die nicht vor Ort sind, ist digitales Prototyping oft die einzige Option.
  • Detailliertere Prototypen: Digitale Tools ermöglichen eine genauere Darstellung des Endprodukts und können Interaktionen besser simulieren.
  • Einfacheres Teilen und Feedback: Digitale Prototypen können leichter geteilt werden, und Feedback kann direkt im Tool gesammelt werden.
  • Integration in den Design-Prozess: Digitale Prototypen können nahtlos in den weiteren Design- und Entwicklungsprozess integriert werden.

 

Einschränkungen:

  • Potenziell zeitaufwendiger: Das Erstellen digitaler Prototypen kann, abhängig vom Detaillierungsgrad, mehr Zeit in Anspruch nehmen als das schnelle Skizzieren auf Papier.
  • Lernkurve: Die Benutzung von Design-Tools kann eine Einarbeitungszeit erfordern.

 

Welche Vorteile hat die Methode generell?

Hier sind die Vorteile von Paper Prototyping:

  • Schnell & kostengünstig: Ein Paper Prototype kann in sehr kurzer Zeit und ohne besondere Software oder Fähigkeiten erstellt werden. Man investiert oft nicht so viel Zeit in den Prototyp wie man es digital tun würde. Einfach weil auch dem „Designer“ schon klar ist, dass es niemals so verwendet wird.
  • Flexibilität: Änderungen können schnell vorgenommen werden, indem man Teile des Prototyps einfach neu zeichnet oder überklebt. So können Sie schnell iterativ Lösungen und deren Verbesserungen testen.
  • Fokussierung auf Funktion: Ohne Farben, echte Schaltflächen und andere gestalterische Details liegt der Schwerpunkt bei Paper Prototyping auf der Funktion und der Benutzererfahrung.
  • Einfache Kollaboration: Teammitglieder können gemeinsam an einem physischen Prototyp arbeiten, was die Zusammenarbeit und das Brainstorming fördert.
  • Jeder kann etwas beitragen: Beim Paper Prototyping kann quasi jeder im Team beteiligt sein und das unabhängig von den eigenen Skills und Lizenzen für ein digitales Prototyping Tool. Wenn Sie in Ihrem Team Personen haben, die etwas zum grundlegenden Design beitragen sollen aber keine Kenntnisse von komplizierten Designtools haben, dann ist Paper Prototyping das ideale Tool.
  • Benutzertests: Trotz der Simplizität können mit Paper Prototypen bereits Benutzertests durchgeführt werden. Nutzer interagieren mit dem Papier, und ein Moderator simuliert die Reaktionen der Software, indem er beispielsweise neue Papierfenster oder -elemente zeigt, wenn der Nutzer auf einen bestimmten Bereich klickt.
  • Niedrige Hemmschwelle: Weil der Prototyp so rudimentär ist, fühlen sich Tester oft ermutigt, ehrliches Feedback zu geben.

 

Welche Nachteile hat die Methode?

  • Keine echte Interaktion: Da es sich um Papier handelt, können komplexe Animationen oder Übergänge nicht simuliert werden.
  • Zeitintensiv bei komplexen Projekten: Für sehr große oder komplexe Projekte kann es mühsam sein, alle möglichen Interaktionswege mit Papier darzustellen.
  • Nicht repräsentativ für das Endprodukt: Einige Nutzer könnten Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, wie das Endprodukt aussieht oder sich verhalten wird, basierend auf einem Paper Prototype.

 

Trotz der Einschränkungen ist Paper Prototyping ein wertvolles Werkzeug in der frühen Phase der Produktentwicklung, um Ideen schnell zu visualisieren und Feedback zu erhalten.

 

Diese Fragen beantworten Ihnen die Arbeit mit Paper Prototyping:

  • Sollte ich die Idee überhaupt entwickeln?
  • Wie muss ich das Interface anpassen, damit meine Idee überhaupt einen Nutzen bringt?
  • Wo soll ich Elemente (z.B. Buttons, Menü, Menüunterpunkte) in meinem Interface anordnen?
  • Welche Features brauchen meine Nutzer wirklich?
  • Wie sollte ich einzelne Elemente meines User Interfaces (z.B. Button, Menupünkte) benennen? (Hinweis: diese Frage wird vor allem in Kombination mit Card-Sorting beantwortet!)
  • Welche allgemeinen Usability-Probleme weist mein Produkt auf?
  • Wo treten Probleme (z.B. Fehler, Wartezeiten, sich „verlaufen“) bei der Bedienung meines Produkts auf?
  • Unterstützt die Gestaltung meines Interfaces die Nutzer bei Ihren Aufgaben?

 

Nicht die richtige Methode für Ihre Frage?

In unserem Methoden-Assistent haben wir die wichtigsten Methoden zu den typischsten Fragen zusammengestellt. Probieren Sie den Methoden-Assistent aus und finden Sie genau die passende Methode zu Ihrer Frage.

Die Auswahl der richtigen Methode erleichtert auch die Entscheidungsmatrix in unserem Buch über Usability und User Experience Design. Dort finden Sie auch viel Hintergrundwissen über die Methode selbst sowie UX & UI generell.

 

Fazit

Paper Prototyping ist eine effiziente und kosteneffektive Methode, um Designkonzepte in den frühen Phasen der Produktentwicklung zu testen. Es bietet Designern und Entwicklern die Möglichkeit, Benutzerinteraktionen schnell zu skizzieren, Feedback zu sammeln und iterative Anpassungen vorzunehmen, bevor wertvolle Ressourcen in die Entwicklung eingesetzt werden.

Wir betonen die Wichtigkeit von nutzerzentrierten Designansätzen, und Paper Prototyping ist ein herausragendes Werkzeug in diesem Arsenal. In einem digital dominierten Zeitalter erinnert uns diese Methode daran, dass einfache, analoge Techniken oft die kraftvollsten sind, wenn es darum geht, Benutzerbedürfnisse und -erfahrungen wirklich zu verstehen.

Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, ob Paper Prototyping für Ihre Fragestellung geeignet ist und wie eine Zusammenarbeit im Detail abläuft. Unsere Kontaktdaten finden Sie hier.

 

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